Warum dich nur dein Netz hält.
Die größte Illusion der Selbstständigkeit ist nicht die fehlende Sicherheit. Es ist vielmehr der weit verbreitete Glaube, da ganz alleine durch zu müssen. Echte Verbindungen helfen uns, die wir aufbauen, wenn ‚die Sonne scheint‘. Damit ein Netz der Unterstützung da ist, wenn die Zeiten rauer werden.
Doris Schuppe • Der Beitrag Achterbahn Selbstständigkeit erschien zuerst im Blog DoSchu.Com.
Dies ist ein Beitrag zur Blogparade Warum tu ich mir das eigentlich an? von Céline Tüyeni.
Was würde ich vermissen?
Wenn du morgen aufhören würdest, selbstständig zu arbeiten, was würdest du vermissen, fragt Céline Tüyeni in ihrer Blogparade. Oh, ich würde auf jeden Fall die Freiheiten vermissen, die ich als Selbstständige habe.
Das mögen für andere kleine Freiheiten sein, für mich sind sie sehr elementar. Denn solange ich angestellt war, gab es immer äußere Zeitgeber. Die habe ich klar auch heute noch, jedoch lange nicht mehr so stark. Ich kann meinen Tätigkeiten dann nachgeben, wenn ich auch in der Kraft bin. Denn in vielen Themen, in denen ich konzeptionell arbeite, in denen ich viel nachdenken muss, zu denen ich schreibe oder Recherchen auswerte, brauche ich Pausen. Zeit für geistige Regenerierung, um wieder Kraft zu haben, die Arbeit genau anzugucken.
Jede und jeder, die oder der kreativ tätig ist, wird das nachvollziehen können. Da müssen wir einfach erste Entwürfe oder Ergebnisse erst einmal sacken lassen. Dann können wir mit frischem Blick etwas Kreatives daraus schaffen: ein Konzept, einen Text oder eine Grafik erstellen.
Es mag bestimmt Menschen geben, die auf Knopfdruck und stundenlang kontinuierlich kreative Dinge tun können. Ich weiß, dass ich es so nicht kann. Daher ist es für mich richtig, dass ich meine Zeit selber einteilen kann. Das ist etwas, was ich wirklich lange erst lernen musste, weil ich ja auch als Angestellte angefangen habe, und ich immer wieder versucht habe, mich in dieses Zeitkorsett einzufügen.
Die Freiheit der Zeiteinteilung ist daher etwas, dass ich nur sehr ungern hergeben würde.
Tatsächlich war ich nach erster Selbstständigkeit noch mal im Angestelltenverhältnis beruflich aktiv. Mein bester Kunde wollte mich damals mit meiner speziellen Branchenerfahrung enger ans Geschäft binden. Ich stimmte zu, vereinbarte jedoch für mich wichtige Arbeitszeitregeln für die Zusammenarbeit. Schließlich wussten sie ja, dass ich als selbstständige Dienstleisterin über ein funktionierendes Homeoffice und eine ergebnisorientierte Arbeitsweise verfügte.
Viel Freiheit, dafür Verantwortung & Ungewissheit
Selten kommt etwas ohne eine Art von Preis. Verantwortung ist einerseits etwas Schönes, ich übernehme gerne Verantwortung. Sie ist gleichzeitig in der Selbstständigkeit für verschiedene Aspekte erforderlich, die ich weniger liebe. Ich meine beispielsweise das wichtige Feld der Buchhaltung. Zu meinem Glück habe ich dafür kompetente Unterstützung.
Und wie so viele Selbstständige zahle ich den Preis der Ungewissheit. Kommt es zum Nachfolgeauftrag? Kommt der verhandelte Auftrag? Bleibt es bei dem besprochenen Budget? Das sind alles Fragen, die ich mir als Angestellte nur in bestimmten Positionen gestellt habe. Als Selbstständige fragst du dich das ständig. Es fehlt eben die im Angestelltendasein zugesicherte Verbindlichkeit der monatlichen Zahlungseingänge, der Komfort der bezahlten Urlaubstage. Wobei diese vermeintliche Sicherheit in Unternehmen mehr und mehr bröckelt. Weiter setzen Arbeitnehmende mit ihrem Job alles auf eine einzige Karte. Fällt der zum Beispiel durch Restrukturierungen, Insolvenzen oder Übernahmen weg, muss komplett neu gesucht werden.
In der Selbstständigkeit verteile ich mein Risiko nach Möglichkeit: Auf verschiedene Kund:innen, Projekte und Standbeine. In der Selbstständigkeit bedeutet Alter Erfahrung. Einerseits wird das Rentenalter kontinuierlich angehoben, andererseits sind in Deutschland viele Menschen ‚Ü50‘ von Altersdiskriminierung bei der Einstellung betroffen. Eine Studie zeigte 2025, dass Menschen über 45 Jahre vor allem im Arbeitsleben erleben, aufgrund ihres Lebensalters benachteiligt zu werden:
»Das entspricht auch den langjährigen Beobachtungen in der Beratung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Vor allem Frauen ab Mitte 40 und Männer ab 50 Jahren berichten von Diskriminierungen bei der Arbeitssuche, am Arbeitsplatz oder beim Ausscheiden aus dem Arbeitsleben. Bei der Arbeitssuche erhalten Menschen teilweise offene Ablehnung aufgrund des Alters („Sie passen leider nicht in unser junges Team“). Ein weiteres Beispiel ist die Verwehrung von Fortbildungen unter Verweis auf das Alter. Auch implizite oder explizite Diskriminierungen im Jobverhältnis gehören in diesen Bereich, beispielsweise der Entzug von Verantwortlichkeiten im IT-Bereich „wegen des Alters“ oder die pauschale Unterstellung, bei neuen Entwicklungen nicht mehr mithalten zu wollen oder zu können.« – Kurzstudie Altersdiskriminerung
Wir machen jetzt und hier nicht das Faß auf, wie paradox die Situation am Arbeitsmarkt ist. Denn einerseits wird lautstark weiterhin der Fachkräftemangel – also Menschen mit Erfahrung – beklagt, andererseits werden genau diejenigen mit Erfahrungswissen kaum eingestellt. Für viele ist dann ab 45 Jahren der Weg in die Selbstständigkeit eine Möglichkeit, weiter beruflich aktiv zu bleiben. Ein Schritt mit vielen Veränderungen, der schwerer fällt, je länger die Angestelltenbrille getragen wurde.
Netzwerk, Community, Kontakte
Als Frau landest du in deinen Dreißigern ständig auf der Absageliste, weil du ja schwanger werden könntest. Ab 45 Jahre ist das Thema dann rum, dafür bist du nun zu alt. Ja klar, ne!?
Diese Absurditäten haben auch meinen beruflichen Weg begleitet. Als ich mich erstmalig selbstständig machte, war der Zusammenhalt mit anderen Frauen im Berufsverband webgrrls e.V. sehr wichtig für meinen Schritt. Das trug mich durch die schwierige Phase der Umstellung von Angestellter zur Selbstständigen, ganz besonders meine Mentorin Claudia Kimich.
Und auch in vielen anderen Zeiten, in denen es vielleicht mal hakt, ist mein Netzwerk wichtig. In München waren das lange wie gesagt die webgrrls-Frauen. Dann auf jeden Fall später die Münchner Social Media Club-Community.
Seit 2009 sind Gruppen der Coworking Community mein Backing, um in schweren Zeiten Zuversicht zu behalten. Den Schritt zur Auswanderung nach Spanien machte ich mit dem Rückhalt in der Münchner Coworking Community combinat56. Aktuell ist mir ganz besonders die virtuelle Coworking-Gemeinschaft des cowirk.SPACE wichtig.
Daher ist meine Empfehlung für jede, die vielleicht mit dem Gedanken spielt, ihre Selbstständigkeit aufzugeben: Such dir Rückhalt und Inspirationen in deinem Umfeld. Bau dir beizeiten im Sonnenschein ein Netzwerk und ein regelmäßiges Miteinander mit anderen selbstständig tätigen Menschen auf, dass dich nicht erst dann weiterbringt, wenn die Zeiten rauer werden. Sondern mit denen du bei ersten Anzeichen der Veränderungen in deinem Markt Ideen gewinnst, was du für dich tun kannst.
Inspirationen zur Selbstständigkeit bietet auch meine neue Livestream-Serie, die ich mit Premierengast Beate Mader Ende Juli startete. Weitere Termine von »Erfahren. Ehrlich. Selbstständig.« findest du hier.
Und für die Vernetzung vor Ort ist der Netzwerkabend & Netzwerktag des Verbands der Gründer:innen & Selbstständigen Deutschland eine gute Gelegenheit. Ich freue mich schon sehr darauf, das Barcamp des VGSD-Treffens im Oktober in Nürnberg zu moderieren.
Wie ist dein Erleben der Selbstständigkeit?
Schreib mit im Kommentar, ob du denkst, warum tu ich mir das eigentlich an.
Wo du Zuversicht und deinen positiven Blick nach vorn gewinnst.
Links zu Achterbahn Selbstständigkeit
- Aufruf zur Blogparade Warum tu ich mir das eigentlich an? von Céline Tüyeni https://www.textemitziel.com/einladung-zur-blogparade-aug26/
- Kurzstudie und Handlungsempfehlungen Altersdiskriminierung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes https://www.antidiskriminierungsstelle.gov.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/Umfragen/20250324-Altersdiskriminierung-Kurzstudie.pdf (PDF)
- Berufsverband webgrrls e.V. https://webgrrls.de/
- Livestream Erfahren. Ehrlich. Selbstständig.
- VGSD Verband der Gründer:innen und Selbstständigen Deutschland e.V. https://vgsd.de
Illustrationen: DoSchu mit Canva.com, Foto Portrait DoSchu: Beate Mader
