Selbstständigkeit ist Veränderung

Talk-Gast: Catharina Wilhelm

Dreimal selbstständig, dazwischen wieder angestellt: Catharina Wilhelm zeigt, dass ein beruflicher Weg nicht geradlinig sein muss, um sich richtig anzufühlen. In meiner Livestream-Serie rund um Selbstständigkeit sprachen wir über Neuanfänge, innere Antreiber, Veränderung – und darüber, warum vermeintliche Umwege wertvolle Erfahrung sein können. Ein Gedanke zog sich dabei durch unser Gespräch: Innehalten.


Doris Schuppe • Der Beitrag Selbstständigkeit ist Veränderung erschien zuerst im Blog DoSchu.Com.


Ich hatte es schon wieder völlig vergessen: Catharina Wilhelm begann ihre berufliche Ausbildung mit einem Medizinstudium. Die Prüfung zum Staatsexamen ließ sie innehalten und nachspüren, was sie ursprünglich am Studium der Medizin fasziniert hatte. Ihre Antwort: der Mensch mit seinen unterschiedlichen Bedürfnissen.

Veränderungen im Lebenslauf

Dieses Interesse am Menschen nahm Catharina mit in die Kommunikationsarbeit. Zunächst in eine gemeinsam gegründete Agentur, später dann in internationale PR-Agenturen und Unternehmen. Auf eine Selbstständigkeit mit PR-Projekten rund um italienische Lebensmittel und Weine folgte eine Festanstellung.

Seit 2012 arbeitet Catharina selbstständig als Business-Coach. Hier kommt für sie vieles zusammen, was sie zuvor gelernt und erlebt hat. Gerade ihre Erfahrungen aus Unternehmen helfen ihr heute, die Herausforderungen ihrer Klientinnen und Klienten zu verstehen.

Die vermeintlichen Umwege sind also kein überflüssiger Teil ihrer Geschichte, sondern ein wertvoller Bestandteil ihrer Arbeit.

Siehe dazu auch mein Beitrag hier im Blog »Wenn dein Lebenslauf nicht passt«.

»Es fühlt sich leicht an, angenehm an, obwohl’s nicht immer easy ist.« – Catharina Wilhelm zur beruflichen Passung, die nicht mit einem mühelosen Alltag verwechselt werden sollte.

Neugierig bleiben auf Veränderungen …

… ohne jedem Impuls hinterherzulaufen. Als ihre Superkraft nennt Catharina Wilhelm die Neugierde: auf Menschen, ihre Themen und neue Möglichkeiten. Dazu gehören für sie aber auch Mut und Selbstreflexion. Nicht jede interessante Entwicklung muss sofort zum nächsten eigenen Projekt werden.

Innehalten ist auch hier das magische Zauberwort, um zu klären:

  • Will ich den coolen Trend wirklich ausprobieren?
  • Passt das überhaupt zu meinem Business, zu mir persönlich?
  • Ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür, oder treibt mich vor allem die Angst, etwas zu verpassen (Stichwort FOMO, fear of missing out)?

Diese Fragen helfen, zwischen echter Begeisterung und einem gefühlten ‚Mitmachen-Müssen‘ zu unterscheiden. Genauso bei Veränderungen der im Hintergrund wirkenden Algorithmen einer Social Media-Plattform wie LinkedIn gilt für Catharina: Man kann vieles mitmachen, muss es aber nicht.

»Man kann alles mitmachen, aber man muss es nicht.« – Catharina Wilhelm zu Veränderungen im LinkedIn-Algorithmus und die Freiheit, den eigenen Weg zu wählen.

Bist du die Anführerin deines Inneren Teams?

Schon im Oktober 2020 folgte Catharina Wilhelm meiner Einladung für einen Online-Talk. Das war im Startjahr meiner Online Salon-Serie für die Rayaworx Community. In einer Woche angefüllt mit Events zur ‚European Freelancers Week‘ gab uns damals Catharina »Das innere Team erfolgreicher Freelancer« mit auf den Weg.

Das »Innere Team« ist ein von Prof. Friedemann Schulz von Thun entwickeltes Modell. Nein, es geht nicht um das bekannte Zitat »Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust« von Goethes Figur Faust. Es erklärt vielmehr unsere Gedankenwelt mit inneren »Stimmen« oder greifbarer »Mitglieder des Inneren Teams«.

Klar kamen wir auch im aktuellen Talk darauf zu sprechen. Denn ich kenne dank Catharina das in meinem Innern wirkende Team ganz gut, meine neugierige Forscherin, meine Anpackerin, meine Kritikerin, meine ‚Mrs. Perfect‘, meine Durchbeißerin, meine Hoffnungsvolle …

Genau aus dieser wertvollen Mischung schöpfen, rät Catharina. Seien es Stimmen wie eine lautstarke Antreiberin und genauso leisere Anteile: die Vernünftige, die Strategin oder eine selbstfürsorgliche Stimme. Catharina vergleicht unsere Rolle mit der einer Fußballtrainerin: Wir dürfen die Mannschaft unseres inneren Team kennenlernen, ihr Zusammenspiel gestalten und durchaus auch einmal jemanden in den Urlaub schicken. Denn eine innere Antreiberin kann uns kurz vor dem Ziel noch einmal ordentlich Kraft geben. Schwierig wird es dagegen, wenn die Antreiberin dauerhaft das Kommando übernimmt.

»Wir selbst sind der Trainer unserer Mannschaft.« – Catharina Wilhelm erinnert uns an unsere Rolle im Umgang mit den Stimmen im eigenen Inneren.

Was hätte Catharina vor ihrer Selbstständigkeit gerne gewusst?

Vor ihrer heutigen selbstständigen Tätigkeit wäre Catharina dieser Aspekt gern klarer gewesen: Für das eigentliche Angebot gut ausgebildet zu sein, reicht im beruflichen Alltag als Solo-Selbstständige nicht aus. Über diesen Bereich hinaus beanspruchen die eigene Website, der Umgang mit dem Datenschutz und inzwischen mit generativer KI ihre Aufmerksamkeit – und vor allem eingeplante Zeit.

Das bedeutet jetzt nicht, dass sie überall selbst zur Top-Expertin werden muss. Sie schätzt aus diesem Grund ihre Netzwerke, in denen sie Menschen mit anderen Fähigkeiten kennenlernt. Weil sie in dem darin stattfindenden Miteinander Unterstützung finden oder aus den Erfahrungen anderen lernen kann.

Digitale Unterstützung im Coaching: Ja oder nein?

Ja zur Unterstützung: Digitale Werkzeuge haben auch Catharinas Arbeitsweise als Coach verändert. Heute gehört es einfach dazu, den Klient:innen ein Online-Coaching anzubieten. Und wie bei vielen anderen steht genauso für sie die Beschäftigung mit KI auf ihrer Liste. Mit einem eigenen Anliegen testete sie einen ‚KI-Coach‘, was sie als hilfreich erlebte.

Nein für eine Ablöse: Catharina berichtet, wie wichtig ihren Coachees der menschliche Kontakt bleibt, das gewachsene Vertrauen und die gemeinsame Kenntnis ihrer Themen und Verhaltensweisen.

Das passte wunderbar zu unserem kurzen Austausch über virtuelles Coworking. Eine ToDo-Liste in einer App ist eben etwas anderes, als in einer Runde mit anderen Menschen morgens die wichtigsten Aufgaben auszusprechen, um sie anzugehen. Ein wichtiges Momentum in unserem cowirkSPACE in der morgendlichen checkIN-Zeit.

Die Magie des Innehaltens

Einen Moment von dem Geschehen zurücktreten. Aktionismus zur Seite legen und zur Ruhe kommen. Sich aus dem Fahrwasser der Aktivitäten herausnehmen statt sich weiter mitreissen lassen. Von einer Pause unterscheidet sich das Innehalten, indem wir unsere Aufmerksamkeit auf die Unterbrechung, den Moment lenken, uns nicht nur erholen.

Denn Innehalten ist kein Synonym für eine reine Erholungspause. Es ist vielmehr ein aktiver Prozess, um unsere Wahrnehmung auf das zu lenken, was wir gerade erleben, und in uns hinein zu spüren. Innehalten hilft uns privat oder beruflich: Wenn es darum geht, zum Beispiel in einer Krisensituation Entscheidungen zu treffen. Oder um unsere Erfolge wahrzunehmen, damit wir sie gebührend anerkennen und feiern.

Für schwierige Zeiten empfiehlt Catharina zunächst Ehrlichkeit: Wir dürfen eine Situation beschissen finden, ratlos sein und auch einmal fluchen. Danach geht es darum, unseren Handlungsspielraum zu entdecken:

  • Welche Herausforderungen habe ich bereits bewältigt?
  • Was hat früher geholfen?
  • Mit wem könnte ich sprechen?

»Was hab ich in der Vergangenheit schon gemacht, was mir auch jetzt für die Zukunft helfen könnte?« – Catharina Wilhelm empfiehlt einen Perspektivwechsel für Zeiten, in denen die eigene Erfahrung aus dem Blick gerät.

Auch kleine Erfolge verdienen Wertschätzung

Genauso wichtig ist ihr der Blick auf das Gelungene. Als Beispiel erzählte sie von ihrer Reaktion, als sie ihr erstes selbst geschriebenes Buch zunächst nach kurzem Durchblättern zur Seite legte. Dann dämmerte ihr, dass da nicht einfach nur irgendein neues Buch lag. Sondern ein persönlicher Erfolg, der ihre Aufmerksamkeit verdiente.

Für mich ist der letzte ein besonders schöner Impuls für Solo-Selbstständige aus unserem Gespräch:
Nicht nur innehalten, wenn etwas schwierig wird. Sondern auch dann, wenn wir etwas geschafft haben.

P.S. Kennst du »IDA« schon?

Eine einfache Übung zum Innehalten beschreibt Catharina jüngst in einem Interview: »IDA« zur Stressbewältigung – Innehalten, Durchatmen und einen Anker spüren. Die Änderung unserer Position leitet die IDA-Übung ein. Der Atem spielt hier, wie ich es aus dem Yoga gut kenne, eine tragende Rolle. Besonders weil wir uns in einer stressigen Situation »wie ein Maikäfer aufpumpen«, wie es Catharina bildhaft beschreibt. In der Übung setzen wir einen Anker, der uns Halt gibt. Das kann beispielsweise eine Stuhllehne sein, an der wir uns halten.


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About Doris Schuppe

Doris Schuppe (DoSchu) steht für ›Digitalien & KI einfach verstehen‹. Sie stärkt digitale Kompetenzen, damit Berufstätige den Anschluss an digitale Arbeitstechniken nicht verpassen und generative KI für ihre Workflows entdecken. Vernetzen ist ihre Superkraft – neben der klassischen Vernetzung in Interessenverbänden bringt sie Menschen in Barcamps, Coworking, Lean Coffees, Learning Circles oder Online-SchreibClubs zusammen. Neben Blogs wie DoSchu.Com schreibt sie Bücher: 2023 erschien ihr New Work-Buch »Heiter bis wolkig in Digitalien«, 2024 als Co-Autorin der »lernOS KI Leitfaden«. 2025 folgt ein Buch rund um generative KI. Doris Schuppe abeitet als freie Trainerin, Mentorin und Moderatorin.

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